Was Boulevard-Berichte über (Selbst)Morde für Angehörige bedeuten – ein Beispiel

[TW: Suizid] Seit zwei Tagen wird diskutiert, ob der Name des Copiloten der GermanWings-Maschine in den Medien veröffentlicht werden darf oder nicht. Die Meinungen reichen von “an den Pranger mit dem Mörder” bis “das ist ein Fall für den Presserat”. Eine Freundin postete heute folgenden Text auf Facebook. Ich war sehr bewegt und halte ihn für eine wichtige Perspektive einer leisen Minderheit:

Gerade diesen furchtbaren furchtbaren Bild-Titel am Kiosk gesehen.
Es erinnert mich daran, wie damals, als sich mein Vater das Leben nahm, der Berliner Kurier groß mit der Schlagzeile “Berliner Rockstar erhängte sich” und seinem Foto aufmachte. Wir Kinder wurden (verständlicherweise) zunächst nicht über die genauen Todesumstände informiert. Monate später fand ich dann diesen Artikel in den Unterlagen meiner Mutter. Es war ein solcher Schlag ins Gesicht, ein solcher Schock, das so zu erfahren.
Es ist nicht nur Druckerschwärze auf Papier – it can cut like a knife. F*** You, Boulevard-Presse!

p.s.: Ich habe den Text mit Zustimmung der Autorin hier veröffentlicht.

(Un)Vereinbarkeit: Wie das »Business-Festival« re:publica Menschen mit Kindern bewusst ausschließt

In der »Ansage zur Vielfalt« der Blogger-Konferenz re:publica heißt es:

Eine Gesellschaft lebt von der Vielfalt ihrer Mitglieder – das gilt erst recht auch für die digitale Gesellschaft! Deshalb ist die re:publica eine Konferenz, die die Andersartigkeit feiert und keinen Menschen aufgrund von Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung, Aussehen, Hautfarbe, Herkunft oder Religion ausgeschlossen wissen möchte.

Ich möchte hiermit eine Änderung vorschlagen: Fügen wir den Nebensatz ein, dass Menschen mit Kindern doch ein bisschen zu anders sind, um teilzunehmen. Warum? Nach der re:publica 2014 wurde nicht zuletzt durch die verstärkte Teilnahme von ElternbloggerInnen öffentlich darauf hingewiesen, dass die Veranstalter gut daran täten, eine Kinderbetreuung anzubieten. Es wurde Besserung gelobt. Nichts besserte sich. [Read more…]

Hör-/Leseempfehlung: Science-Fiction-Roman »Der Marsianer« (ab November in den Kinos, verfilmt von Ridley Scott)

97h6

Seit längerem verbringe ich meine Radfahrten damit, Science-Fiction-Hörbücher zu hören. Je länger sie sind, desto besser. Ich werde demnächst mal eine Liste meiner bisherigen Favoriten zusammenstellen. Aktuell gibt es jedoch eine Empfehlung, die ich aus gegebenem Anlass hervorheben möchte: Gerade habe ich “Der Marsianer” (The Martian) von Andy Weir beendet und bin ein klein wenig begeistert. Der Anlass, das Hörbuch jetzt zu empfehlen: Im November diesen Jahres kommt die Verfilmung “The Martian” in die Kinos. Regie führt Ridley Scott (Alien, Blade Runner, Prometheus), , Hauptdarsteller ist Matt Damon.

Es muss natürlich jeder für sich entscheiden, ob er gespoilt werden möchte. Es gibt jedoch gute Gründe, sich das Buch in voller Länge schon vorher zu geben – sei es gelesen oder vorgelesen. Die Story des Buches ist kurz zusammengefasst der beeindruckende Überlebenskampf eines während einer Mission auf dem zurückgelassenen Astronauten. Autor Andy Weir hat viel Wert in wissenschaftliche Details des Buches gesteckt, die in der langen Fassung voll zur Geltung kommen können. Die Verfilmung wird sicher andere Schwerpunkte legen müssen und eher auf einer emotionalen Ebene arbeiten und mit überwältigenden Bildern aufwarten. Um die Wissenschaft in der “science fiction” aber zu genießen, kommt man um das Original kaum herum.

Ich bin froh, das Buch gehört zu haben, war bis zur letzten Minute gespannt und freue mich auf die Verfilmung.

Übrigens: Die Veröffentlichungs-Geschichte des Romans ist eine schöne Internet-Story:

Andy Weir hat seinen fachlichen Hintergrund im Feld der Informatik. Im Jahr 2009 begann er seine Hintergrundrecherchen, um das Buch so realistisch wie möglich zu gestalten und gleichzeitig auf bereits existierende Techniken zu verweisen.
Nachdem das Werk von mehreren Verlagen abgelehnt wurde, veröffentlichte Weir das Buch kostenlos auf seiner Webseite. Auf Bitten seiner Fans erstellte er eine Version für den Amazon Kindle, die er zum Preis von 99 US-Cent anbot (das stellte den möglichen Mindestpreis dar). Die Kindle-Edition erreichte die Spitze der Amazon Science-Fiction Bestseller und wurde in drei Monaten 35.000 mal verkauft. Dadurch wurden Verleger aufmerksam, und Podium Publishing, ein auf Audiobücher spezialisiertes Haus, kaufte die Audiobuch-Rechte im Januar 2013. Weir verkaufte die Buchrechte an Crown im März 2013 für einen sechsstelligen US-Dollar Betrag.
Das Buch erschien am 2. März 2014 auf der Bestsellerliste der New York Times auf Platz 12.

Ich habe die ungekürzte deutsche Hörbuch-Version bei Audible gehört und war damit zufrieden. Freunde berichteten, dass die englische Version auch gut zu hören ist.

Der feministische 10-Mark-Schein der DDR – feat. eine Ingenieurin im Kraftwerk und eine Frauenrechtlerin

Gestern haben wir auf Twitter “rate die Geldschein-Farbe” gespielt. Wer kann sich noch dran erinnern, welche Farbe 5DM-, 10DM- und 20DM-Scheine hatten? Bei der Gelegenheit habe ich mir noch einmal die DDR-Geldscheine angesehen und mir ist wieder aufgefallen, wie besonders der 10-Mark-Schein war:

10_ddrm_1971_rs_600px

In der Detailansicht:

10_ddrm_1971_rs_detail

(Bild-Quelle)

Auf dem Bild ist laut Wikipedia zu sehen:

“eine junge Ingenieurin an einer Schalttafel. Vorlage dafür war die Blockwarte des Kernkraftwerks Rheinsberg, das 1966 in Betrieb genommen wurde”

Dass es sich ausgerechnet um Kernkraftwerk handelt, verleidet das Motiv vielleicht ein wenig. Dennoch zeigte einer der wohl meisten genutzten Geldscheine der DDR eine Ingenieurin bei der Arbeit an einer technischen Konsole – und schuf damit ein wenig Normalität. Das ist definitiv kein “In der DDR war alles besser für Frauen”-Hinweis, aber der ikonographische Umgang mit dem Thema ist bemerkenswert.

Im Original sah die Konsole übrigens so aus (interessant, dass hier nur Männer abgebildet sind, da solche Fotos in der Regel auch arrangiert sind):

KKW-Rheinsberg1

(Quelle) (danke an ArndZ für den Hinweis)

Auf der Vorderseite des Geldscheins war ein Portrait der Frauenrechtlerin Clara Zetkin.

Beispiel für den nicht-ironischen Umgang mit »mean tweets«

Als Antwort auf meine Kritik an Youtube-Formaten, in denen mean tweets ironisierend vorgelesen werden, hat mich Nik freundlicher Weise auf das Video “Kids read mean tweets” hingewiesen. Das Video greift das mean tweets Format auf, lässt einem das Lachen aber im Hals stecken bleiben. (Triggerwarnung)