Über »Totholzmedien«

Totholzmedien. Immer wieder lese ich diesen Begriff und jedes mal stört er mich. Ich will kurz erklären, warum.

»Totholzmedien« bezeichnet vor allem in Blogs und auf Twitter klassische Papier-basierte Medien wie Zeitungen und Bücher. Einen guten Eindruck erhält man im exemplarisch herausgepickten Blog-Artikel »Totholzfantasien von Matthias Horx«:

Natürlich geht es bei Artikeln in der Springerpresse nicht um sauberes Denken. Das wäre dort eher fehl am Platze. Es geht um Demagogie. Allerdings ist das, die wesentliche Aufgabe aller deutschen Totholzmedien und ihrer Ableger im Netz. Das diese Art von demagogischen “Journalisten” oder vielleicht besser Journalismus vortäuschenden Demagogen Angst haben, ist in letzter Zeit andauernd zu beobachten.

Der Begriff degradiert diese Medien durch eine doppelte Spitze: Er unterstellt einerseits das (sinnlose) Töten von Bäumen und betont zugleich den Anachronismus von Papier. Es ist ein Kampfbegriff, der genutzt wird, um pauschal das (Massen-)Medium bedrucktes Papier und dessen Produzenten und Inhalte zu diskreditieren.

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Es ist ein guter Begriff, das sei zugegeben. Das Doppelspiel von “tot” (alt) und “totem Holz” (sinnlos) ist selbsterklärend. »Totholzmedien« transportiert einen ganzen Diskurs komprimiert in einem Wort. Und dennoch lässt er sich leicht dekonstruieren, wenn man die von ihm unterstellte Kritik auf den Begriff selbst anwendet.

Zur Materialität

Wenn die ökologische Vergleich eröffnet wird, mag zwar immernoch pedantisch wirken, zu fragen, ob Nicht-Totholzmedien ohne gefällte Bäume besser dastehen, aber wir wollen es kurz anreißen. Man müsste den Energie-Footprint eines Blogs, eBooks oder gar Tweets bestimmen. Dabei geht es nicht nur um den Stromverbrauch für den Lesevorgang. Die anteilige Herstellung der beteiligten Rechner, Nutzung von Netz-Infrastruktur und der Long-Tail wie der Abbau seltener Erden trägt einiges zusammen. Nimmt man als vereinfachtes Beispiel den Energieverbrauch einer Suchabfrage, kommt ein durchschnittlicher Nutzer laut Google auf 180 Wattstunden pro Monat:

Den Energieverbrauch eines typischen Nutzers im Monat setzt Google mit demjenigen gleich, den eine 60-Watt-Glühbirne bei dreistündiger Brenndauer benötigt. Eine durchschnittliche Google-Suche verbrauche 0,3 Wattstunden, gab der Suchmaschinenriese bekannt. Bei der von Google geschätzten Zahl von mehr als einer Milliarde Suchanfragen pro Tag, tragen diese mit 12,5 Millionen Watt zum Energieverbrauch bei.

Ich werde mich jetzt nicht um Kopf und Kragen schreiben und felsenfest behaupten, Bücher seien aus ökologischer Perspektive elektronischen Publikationen vorzuziehen. Ich gebe nur zu Bedenken, dass das technologische Verbund zur Rezeption und Verteilung elektronischer Texte gern als gegeben angenommen wird. Dabei handelt es sich auch hier auch letztlich um ein Gefüge aus Artefakten, die in ihrer Gesamtheit eine nicht unerhebliche Menge an Energie konsumieren.

Zur Sippenhaft

Doch genug der Spitzfindigkeiten. Mein eigentlicher Vorwurf ist die Sippenhaft des Begriffs. »Totholzmedien« reduziert ein Medium auf dessen Materialität und zieht zugleich jegliche Existenzberechtigung in Frage. Als würde der Druck eines elektronischen Textes diesen plötzlich zu »Lügen der Systempresse« machen. Dabei bin ich als Medienwissenschaftler durchaus Freund von Betrachtungen über die Materialität von Medien und der letzte, der sich einem “The Medium is the Message” pauschal verweigert. Wenn papierbasierte Medien aber als Dispositiv Inhalte vorstrukturieren, dann ist das Resultat sicher nicht ein Berg anachronistischer Lügen. Das wäre schon insofern verwunderlich, als viele Blogger ihre Themen letztlich in Büchern bündeln oder in den letzten Jahren verstärkt in Zeitungen zu Wort kommen. Wie nennt man diese Chimäre? Holzbloguntoter?

Zugleich macht der Begriff einen Fehler, der gerade in Blogs den Printmedien unterstellt wird: Pauschalisierung und Verflachung. Gern kreidet man der Presse eine Verflachung des Diskurses an, wenn es um Netz-bezogene Themen geht. Sicher nicht ganz zu Unrecht. Man fühlt sich nicht ernst genommen. Doch wenn wir diese Medien pauschal als Totholzmedien bezeichnen, subsummieren wir damit jedes gedruckte Wort. Das ist unfair und zugleich verhindert es einen Austausch.

Man könnte sogar Derridas Kritik an Platons Phaidros wiederholen: Im Phaidros, einem Dialog Platons, wird Schriftkritik geübt. Der oralen Kultur wird hinterhergejammert, die Schriftkultur verurteilt. Derrida dekonstruiert den Text unter anderem durch den Hinweis, dass Phaidros selbst ein Schriftstück ist und nur als solches funktioniert. Es ist analytisches, logozentrisches Denken in Text. Beim Begriff »Totholzmedien« dreht sich die zeitliche Achse: Das neue Medium kritisiert das alte. Der Vorwurf aber kann wiederholt werden: Man vergisst, dass die eigene Diskursform zutiefst vom Kritisierten durchdrungen ist. Analysieren, Zitieren und Verlinken sind über Jahrhunderte auf Papier erarbeitete Kulturtechniken. Man muss davor nicht erfürchtig auf die Knie fallen. Es vereinfacht als unnötige Altlast zu bezeichnen, wird der Angelegenheit aber auch nicht gerecht.

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Die Google-Glass-Debatte. Ende des Jahres sind wir klüger.

Seit ein paar Tagen ist die Diskussion um Google Glass wieder in vollem Gang. Google Glass ist eine wohl noch dieses Jahr erscheinende Datenbrille, die entweder ein epischer Flop oder das Stadtbild verändern wird.

q4lth7gmf5q1(Quelle: Wikipedia)

In der FAZ zeichnet Constanze Kurz eine dystopische Zukunftsfiktion, in der das Stadtleben nach Ausfall einer monopolistischen Glass-Infrastruktur zum Erliegen kommt.  Temporär besinnt man sich wieder auf die Zeit vor der Technologie zurück:

Nach einigen Stunden ahnten die meisten Menschen, dass das technische Problem vielleicht doch umfangreicher sein könnte, denn die Services blieben weiter deaktiviert. Soziale Gepflogenheiten, die man längst vergessen glaubte, wurden entstaubt. Man fragte Menschen nach dem Weg, anstatt wie sonst die allwissende Maschine zu bemühen. Kontaktlisten in den Telefonen wurden wieder wichtige Hilfsmittel für Gespräche, sofern sie noch lokal auf den Telefonen gespeichert waren und nicht schon längst in der nun nicht mehr funktionierenden Cloud verschwunden waren.

Felix Neumann greift diese Technik-Kritik in seinem Blog-Post “Sheeple mit Brillen” auf und fragt, ob hier nicht technische Entwicklungen ganz allgemein kritisiert werden:

Das Szenario von Kurz funktioniert dann als Kritik an Google Glass, wenn ein essentieller Unterschied zwischen dem Status quo der Technik und Glass besteht – ansonsten ist es nur ein willkürlicher Punkt in der Technikgeschichte, an dem eine Standardsituation der Technologiekritik auftritt, die in wenigen Jahren bestenfalls noch kurios anmutet, heute aber als Untergang und Umwertung aller Werte gelesen wird – oder wie es Douglas Adams beschreibt: »Anything invented after you’re thirty-five is against the natural order of things.«

Kurz reduziert die Hackerethik, als gelte allein »Mißtraue Autoritäten – fördere Dezentralisierung« als erste und alles überstrahlende Regel. Alle Argumente, die Kurz anführt oder andeutet, könnten gegen jedwede Technik gerichtet werden. Übrig bleibt dann eine hochgradig elitäre Technikethik

Kurz führt eine um die Hackerethik erweiterte allgemeine Technologie-kritischen Schule Joseph Weizenbaums fort. Sie  war selbst mit Weizenbaum persönlich bekannt. Spezifischer mit Glass befasst sie sich bei der Beschreibung möglicher gesellschaftlicher Verhaltensänderungen:

Erst nach und nach hatten sich akzeptierte Umgangsformen herausgebildet. Man setzte die Brille demonstrativ ab, wenn Diskretion oder Aufmerksamkeit signalisiert werden sollte. Gargoogles bekamen Hausverbot in etlichen Clubs und Restaurants, viele hatten Probleme mit ihren Arbeitgebern. Die Anwesenheit eines Gargoogles, von dem man nicht wusste, ob er gerade etwas in Wikipedia nachschlug oder das Gespräch am Nachbartisch live zu einer Skandalwebsite streamte, wurde als unangenehm und unpassend empfunden.

Gargoogles blieben daher fast immer unter sich, wenn sie nicht gerade loszogen, um ihre proklamiertes Recht auf permanentes Erfassen, Analysieren und Publizieren ihrer Umgebung durch provokative Aktionen an öffentlichen Orten durchzusetzen.

Interessant, dass hier die Glass-Träger zu den offensiven, weil “provokativen” Akteuren gemacht werden. Aktuell – in einer Phase, in der nur auf der Basis von Ankündigungen diskutiert wird – kommt die provokative Offensive eher aus der Richtung der Glass-Gegner. Hier ruft Padeluun, Mitbegründer des FoeBuD, Jury-Teilnehmer der Big Brother Awards und Mitglied der Enquete Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft zu aktivem körperlichem Widerstand gegen Datenbrillen auf:


Dieser Widerstand hat seine realen Vorläufer. Steve Mann, der sich seit mehreren Jahrzehnten mit der Entwicklung von Datenbrillen und Mensch-Maschine-Schnittstellen beschäftigt, wurde letztes Jahr in einer Pariser McDonalds-Filiale körperlich angegriffen.  Auslöser dieser Reaktionen ist nicht die Datenbrille selbst, sondern die integrierte Kamera.

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(Quelle: Wikipedia)

Mann hat gerade erst im lesenswerten Artikel “My “Augmediated” Life” die Erfahrungen seiner letzter 35 Jahre zusammengefasst. Er schließt den Artikel mit folgendem Ausblick:

I believe that like it or not, video cameras will soon be everywhere: You already find them in many television sets, automatic faucets, smoke alarms, and energy-saving lightbulbs. No doubt, authorities will have access to the recordings they make, expanding an already large surveillance capability. To my mind, surveillance videos stand to be abused less if ordinary people routinely wear their own video-gathering equipment, so they can watch the watchers with a form of inverse surveillance.

Of course, I could be wrong. I can see a lot of subtle things with my computerized eyewear, but the future remains too murky for me to make out.

Mark Hurst schreibt im Blog-Post “The Google Glass feature no one is talking about” (er lebt ganz offenbar nicht in Deutschland) zur Wirkung der Brille auf andere Personen:

The key experiential question of Google Glass isn’t what it’s like to wear them, it’s what it’s like to be around someone else who’s wearing them. I’ll give an easy example. Your one-on-one conversation with someone wearing Google Glass is likely to be annoying, because you’ll suspect that you don’t have their undivided attention. And you can’t comfortably ask them to take the glasses off (especially when, inevitably, the device is integrated into prescription lenses). Finally – here’s where the problems really start – you don’t know if they’re taking a video of you.

Es geht also um die Angst vorm panoptischen Aufgezeichnet-Werden. Doch Hurst unterstreicht, dass es sich anders verhält als bei bisherigen CCTV-Kameras:

Now, I know the response: “I’m recorded by security cameras all day, it doesn’t bother me, what’s the difference?” Hear me out – I’m not done. What makes Glass so unique is that it’s a Google project. And Google has the capacity to combine Glass with other technologies it owns.

Es ist nicht mehr die Angst vor einer audivisuellen Aufzeichnung. Es ist das Droh-Szenario der automatischen Verknüpfbarkeit von Daten. Für deutlich weniger bis gar keine Aufregung sorgte entsprechend die Kickstarter-Finanzierung der Miniatur-Kamera “Memoto Lifelogger“.

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(Quelle: kickstarter.com)

Die Diskussion dreht sich also um Google, nicht um die Technologie, die man in den Händen hält. Jürgen Geuter schrieb dazu schon Mitte 2012:

Und diese Chance ist zu wertvoll als dass wir uns von Panik gegenüber Google oder anderen Firmen davon abhalten lassen sollten, sie auszuprobieren, zu diskutieren und dann einem gesellschaftlichen Konsenz entsprechend einzusetzen.

Die Frage ist, was man der antiamerikanischen Haltung aus Europa entgegensetzen möchte. (Anti-Amerikanismus soll hier nicht in der Begriffs-Tradition stehen, sondern schlicht die kritische Haltung gegenüber Diensten aus USA bezeichnen). Bisher groß angekündigte Projekte sind gefloppt: Eine Europäische Suchmaschine? Man nutzt Google. Eine Europäische Alternative zu den bekannten Social Networks? Man diskutiert auf Facebook, Twitter und G+ darüber.

Übrigens galt die analysierende Universalmaschine Datenbrille aus den USA auch hierzulande mal aus Utopie, wie folgende Gegenüberstellung in der Wired von Glass und dem “Visor” aus Star Trek zeigt:

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(Quelle: wired.com)

Alles in allem ist die Diskussion in Moment hitzig, das Gerät in Internet-Zeitrechnung noch in weiter Ferne. Wir haben also noch ein paar Monate, um drüber zu diskutieren, was wir erwarten, was wir wollen und was nicht. Julian Finn schreibt vielleicht ganz passend in “Glass als Anfang“:

Wir brauchen also eine gesellschaftliche Debatte. Wir müssen darüber reden, wie wir alle damit umgehen wollen, und zwar ohne in Paternalismus zu verfallen.
Technische Lösungen, Kontrollmechanismen, scharfe Gesetze, das macht mir Angst. Genauso wie ich nicht an jeder Ecke einen Körperscanner haben möchte, nur weil es Waffen gibt, möchte ich keine Störgeräte oder Kameradetektoren. Wir müssen darüber reden, wann es okay ist, zu Fotografieren – und wann nicht. Wir müssen uns klar machen, dass es Graubereiche geben wird, Definitionsunschärfen. Es gibt viel zu reden. Aber weder eine „Ist-doch-alles-egal“-Haltung noch eine maschinenstürmende Technikfeindlichkeit werden uns voran bringen. Schon gar nicht, wenn wir auf der Basis von einzelnen Gerätschaften debattieren. Denn während die eine Firma gerade noch das Produkt „Glass“ marktreif macht, forschen mit Sicherheit viele andere schon an der nächsten Generation.

Finn ist aktives Mitglied des CCC. Dort wurde gerade intern die Diskussion angestoßen, wie spätestens auf dem Chaos Communication Congress mit den zu erwartenden Teilnehmern mit Google Glass umgegangen werden soll. So fallen also Ende des Jahres – Einführung von Glass und Chaos Congress – zwei Events zusammen, die sich aneinander reiben werden. Ich hoffe nicht, in dieser Form:

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Das @tazgezwitscher – oder wie man seine Twitter-Follower zu Tode nervt

Vor kurzem änderte die TAZ mit ihrem Twitter-Account @tazgezwitscher die Twitter-Strategie und wurde »gesprächiger«. Man ging vom einfachen Posten von Artikeln über zu witzigen Kommentaren und schnellen Reaktion. Das kann man machen. Zugleich scheint jemand auf die glorreiche Idee gekommen zu sein, dass es besonders wichtig sei, die magische Grenze von 100.000 Followern zu erreichen. Um hier schnell voranzukommen dachte man sich ein Gewinnspiel aus, auf das man nun gefühlt im Stundentakt hinweist und die Follower zu Retweeten animiert:

Das Problem mit solchen Aktionen ist, dass die 99.000 bisherigen Follower die Tweets und Retweets als Zaungast ertragen müssen. Wir haben davon die Nase voll. Erst entfolgen wir, dann muten wir, dann blocken wir. Aber man kann seine Follower ja auch einfach mal austauschen.

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