Die Packstation, DHL Express und das Paket am anderen Ende der Stadt – keine Liebesgeschichte

Ich bestelle viel zu viel bei Amazon. Folgendes passiert – sicher nicht nur mir – regelmäßig:

  1. Angeblich war niemand zu Hause und das Paket landet in einem Geschäft im selben Haus. Die Öffnungszeiten von 10 bis 18 Uhr werktags bedeuten, dass ich Urlaub nehmen muss, um an mein Paket zu kommen. Ein Schild “Bitte nicht im Geschäft abgegeben” scheint in unsichtbarer Zaubertinte geschrieben.*
  2. Es war vielleicht wirklich niemand zu Hause und das Paket landet in einer Post-Filiale zwei Kilometer entfernt – nicht etwa in der auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Diese hat zwar nur bis 19 Uhr geöffnet, aber es besteht immerhin die Chance, es rechtzeitig zu schaffen.
  3. Der Klingelknopf in der ersten Etage war so verlockend, dass die armen Nachbarinnen mit frisch geborenem Kind mal wieder dran glauben müssen und tapfer entgegennehmen (Danke!).
  4. Irgendein Wald-und-Wiesen-Lieferdienst stellt das Paket in einem Tee-Geschäft in einem anderem Bezirk zu. Tee-Geschäfte riechen wirklich angenehm.
  5. Es passiert etwas von 1. bis 4., leider fehlt aber die Benachrichtigungskarte, falls sie nicht lieblos an die Eingangstür geklebt wurde (so, dass jeder sie mitnehmen kann und mit etwas überzeugendem Blick oder gefälschter Vollmacht** das Paket einfach abholt).

Anlass genug also, sich doch endlich mal bei der Packstation anzumelden. Die nächste ist zwar ein Stück entfernt, aber dafür rund um die Uhr erreichbar. Gesagt, getan: Ich klicke nachts rum, eröffne einen Account und bin sofort genervt, weil man mich zum Post-Ident nötigt. Ich soll also erstmal meinen Ausweis in der Postfiliale vorzeigen. Nicht etwa, dass ich die eID-Funktion meines Personalausweises nutzen kann, für den ich tatsächlich ein Lesegerät besitze, oder mich wie bei Number26 einfach per Videokonferenz anmelde, nein: persönliche Anwesenheitspflicht. Ok. [Read more…]

Fundstück von 1973: Wie Frauen als Programmiererinnen verschwinden – und der Hinweis darauf gestrichen wird

In der Geschichte der Programmierung von Computern hat sich nach dem zweiten Weltkrieg ein Rollenwandel der Geschlechter vollzogen. Waren zu Kriegszeiten Frauen noch typisch in der Rolle der Programmiererin, übernahmen nach dem Krieg Männer diese Tätigkeit. Mir ist das Thema gerade wieder aufgefallen, als ich eine Radiosendung des WDR von 1973 hörte und das Original-Manuskript der Sprechertexte dazu las. Dort wurde der Hinweis, dass Männer den Beruf des Programmierers “leider schon wieder weitgehend” prägen gestrichen – und tauchte somit nicht in der Sendung auf. Es fand thematisch in der sechseinhalbminütigen Sendung nicht mehr statt:

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Warum man denn Frühstücksfotos ins Netz stellt, fragte sie mich

2015-07-05 08.56.55

Die @fraumierau hat vor einiger Zeit den Begriff “Online-Eltern-Clan” geprägt, um das digitale Zusammenleben von Eltern zu umschreiben. Am Wochenende hatte ich ein Gespräch, das mir zeigte, wie gut sich das Konzept abstrakter fassen lässt … anhand von Frühstücksfotos.

Es ist Samstag Mittag. Ich sitze mit lauter fremden Menschen an einem langen Tisch. Wir essen Brötchen, die wir gerade in einem Backkurs gebacken haben und fachsimpeln über Krumen, Schwaden und Sauerteig. Mir gegenüber sitzt eine ältere Frau aus Bayern, geschätzt zwischen 50 und 60.  Sie ist eine der unscheinbaren TeilnehmerInnen, ruhig. Plötzlich sieht sie mir in die Augen und spricht mich das erste Mal an: [Read more…]

Der Politikroboter: Wie Merkel mit den Folgen ihrer eigenen Flüchtlingspolitik überfordert war

Vor ein paar Tagen wurde das Merkel-Interview von LeFloid breit diskutiert. Klar war: LeFloid konnte Bundeskanzlerin Merkel nicht aus der Reserve locken – für einige eine Enttäuschung, für andere nicht. Gerade geht ein kurzes Video rum, dass in nur wenigen Sekunden zeigt, wie auch die Kanzlerin überfordert sein kann und kurz die hässliche Seite der CDU-Flüchtlingspolitik in ihrer ganzen Härte zeigt. In einem Gespräch mit Schülern erklärt Angela Merkel einem palästinensischen Mädchen, warum “manche auch wieder zurückgehen müssen”. Wenig später weint das Mädchen und Merkel ist sichtlich überfordert – mit den Folgen ihrer eigenen Politik.

Es ist eine bedrückende Szene. Und das erste Mal, dass ich Kanzlerin Merkel überfordert sehe. Sie wirkt wie ein Emotions-armer Politikroboter, der sichtlich Schwierigkeiten hat, Trost zu spenden. Schade, dass erst Tränen vor der Kamera fließen müssen, um PolitikerInnen mit Folgen der Asylpolitik zu konfrontieren.

Ich habe das Gespräch kurz verschriftlicht (Zugänglichkeit und so. Einige Textstellen habe ich um Füllwörter für eine bessere Lesbarkeit gekürzt):

Mädchen: Ich habe ja auch Ziele wie jeder andere. Ich möchte studieren. Das ist wirklich ein Wunsch und ein Ziel, dass ich gerne schaffen möchte. Es ist wirklich sehr unangenehm zuzusehen, wie andere wirklich das Leben genießen können und man selber halt nicht mitgenießen kann.

Merkel: Ich verstehe das und dennoch muss ich jetzt auch … Politik ist manchmal hart … Wenn Du jetzt vor mir stehst … Du bist ja ein unheimlich sympathischer Mensch … Du weißt auch, in den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon gibt es noch tausende und tausende. Wenn wir jetzt sagen “Ihr könnt alle kommen”, und “Ihr könnt alle aus Afrika kommen” und “Ihr könnt alle kommen”, das können wir auch nicht schaffen. Da sind wir jetzt in diesem Zwiespalt. Die einzige Antwort, die wir sagen, ist: Bloß nicht, dass es so lange dauert, bis die Sachen entschieden sind. Aber es werden manche auch wieder zurückgehen müssen.

*wenig später weint das Mädchen*

Merkel: Du hast das doch prima gemacht.

Moderator: Ich glaube nicht, Frau Bundeskanzlerin, dass es da ums prima machen geht, sondern dass es natürlich eine sehr belastende Situation ist.

Merkel: Dass weiß ich, dass das eine belastende Situation ist. Deswegen möchte ich sie trotzdem einmal streicheln, weil wir Euch ja nicht in solche Situationen bringen wollen und weil Du es ja auch schwer hast, weil Du es ja auch ganz toll dargestellt hast für viele viele andere, in welche Situation man kommen kann. … Ja?!

Update:

Auf »Indiskretion Ehrensache« weist Thomas Knüwer noch darauf hin, wie das Presseteam von Merkel die Angelegenheit aufarbeitet.

Jonas Jansen weist für (Triggerwarnung) die FAZ noch mal zurecht darauf hin, dass das Video ursprünglich länger ist und die obige Version auf den Punkt geschnitten ist. Ich bleibe inhaltlich aber bei meiner ursprünglichen Einschätzung.

Richard Gutjahr hat dokumentiert, wie die Presseabteilung von Merkel den Text nachträglich anpasst.

Twitter-NutzerIn @SunnyZitrone hat ein englisches Transskript erstellt.

Julia Schramm hat das Merkel Blog kurz aus der Sommerpause genommen und einige interessante Bemerkungen auf Twitter veröffentlicht.

Unter #merkelstreichelt gibt es ein aktives Hashtag zum Thema.

Kurzkritik zum Merkel-Interview von LeFloid: Nächstes mal mehr Youtube, bitte.

Bundeskanzlerin Merkel wurde von Youtuber LeFloid interviewt. Ich lese gerade auf Twitter viel Kritik, die ich so nicht unterschreiben würde, daher kurz ein paar Gedanken zu dem 30minütigen Stück:

Zunächst: Ich habe Respekt davor, dass LeFloid Merkel interviewt hat. Ich war letztes Jahr auf einer Tagung von SozialpädagogInnen, die vor allem mit Jugendlichen arbeiten. Irgendwann ging es um Youtube und es fiel das Zitat “Wir haben keine Ahnung von Facebook und Youtube, aber wir sind dankbar für LeFloid – wegen ihm reden die Jugendlichen über Politik”. Das ist eine Leistung, aber natürlich kein Freibrief für LeFloid. In den letzten Monaten stand er wiederholt berechtigt in der Kritik. Das muss er als Medienprofi mit großer Reichweite aushalten. [Read more…]