Niedergang und Aufstieg des Filmkorns
Von ccm | 10.Januar 2010
Bisher ist das Filmkorn an mir vorbeigezogen. Ich habe es nicht wahrgenommen. Es war einfach da. Doch jetzt, da es weg ist, vermisse ich es und frage mich, was es eigentlich war.
Doch von vorn: Mit dem Kauf eines HD-Fernsehers und dem Empfang von immer mehr Sendungen in hochauflösender HD-Qualität kommt man in den zweifelhaften Genuss, Bilder am heimischen Fernseher gestochen scharf zu sehen. Zweifelhaft ist dieser Genuss durch eine Tendenz zur Hyper-Realität: Ein Bild in HD-Qualität auf einem großen Fernsehgerät erschlägt einen fast mit Schärfe und Details. Plötzlich wird die Maske der Schauspieler sichtbar, Farben wirken oft erschreckend kühl, das Bild strahlt eine unnachgiebige Schärfe aus, die bei aller Faszination unangenehm ist.
Diese Schärfe ist natürlich nicht das einfache Ergebnis nur eines neuen Fernsehgerätes. Das Gerät gibt letztlich nur wieder, was ihm als Material übergeben wurde. Hier kann man ganz fachunkundig zwischen zwei Typen unterscheiden: hochauflösende Inhalte, die eigens für HD-Fernseher ausgestrahlt werden und nicht hochauflösende Inhalte für das klassische (jetzt ist es schon klassisch!) Fernsehen. An dieser Stelle sollen nur die hochauflösenden Inhalte interessieren – die zufriedenstellende Darstellung klassischer Inhalte auf einem HD-Fernseher ist eine Technik-Geschichte voller Missverständnisse für sich.
Hochauflösende Inhalte jedenfalls gibt es theoretisch zur Genüge: Die meisten Kinofilme der letzten Jahrzehnte wurden auf 35mm-Film gedreht, einem analogen Medium mit so hoher Auflösung, um auch auf der Kinoleinwand eine mehr als gute Figur zu machen. Für das klassische Fernsehen wurde dies bisher “runtergerechnet”, das heißt auf die geringe Auflösung angepasst. Für HD-Fernseher nun gibt es plötzlich die Möglichkeit, auch diese Kinofilme in deutlich höherer Auflösung noch einmal nach Hause zu bringen. Und wenn es gut gemacht ist, sieht es gut aus – keine Frage. Neben der DVD spielt hier die neuere BlueRay-Disc ihr Können aus.
Doch neben den bisher auf 35mm und auch 16mm gedrehten Filmen gibt es neue Kinofilme, Dokumentationen und Inhalte beliebiger Art, die auf modernen Kameras passend zum neuen Medium gedreht werden: Digitale Kameras mit Speicherchips. Diese werden verstärkt genutzt, denn die Arbeitskette ist ideal: Digitaler Dreh auf Chips, digitale Bearbeitung, digitales Senden. Auch wenn die digitale Filmtechnik an dieser Stelle vieles einfacher macht, hat sich eines grundlegend geändert: Die Filmstruktur. Film als analoges Medium hatte chemische Eigenschaften, die der Zuschauer bewusst oder unbewusst wahrgenommen hat. Insbesondere das “Filmkorn” (im englischen “grain” genannt) gab dem 35mm- und auch 16mm-Film seine grundlegend warme und edle Einfärbung, die ihn schon immer von anderen Filmformen unterschied. Es ist dieses wohlige “Krisseln” auf der Kinoleinwand, dass man nie als Bildstörung, sondern als angenehme Struktur wahrnahm. Auch das klassische Fernsehen mit seiner aus heutiger Sicht geringen Auflösungen (PAL zum Beispiel mit nur 625 Zeilen) “verwusch” Bilder derart, dass sie eine natürliche Wärme erhielten – unabhängig von der Studioaufnahmetechnik zum Beispiel.
Mit der digitalen Technologie nun gibt es weder chemische Strukturen, die das Bild in “grain” zerkrisseln, noch ist die Auflösung so gering, dass sich eine gewisse natürliche Bild-Wärme ergibt. Das digitale Bild zeigt ganz erbarmungslos das, was auf den Lichtsensor trifft: scharfe Kanten, winzige Details. Der Abdeckstift hat keine Chance. Und so ist die Euphorie beim hochauflösenden Fernsehempfang schnell ganz ambivalent. Das diesjährige Neujahreskonzert der Wiener Philharmoniker etwa war optisch zwar absolut hochauflösend, aber zugleich auch eine Zumutung, weil es einfach anstrengend ist und irgendwie angenehme Bildwärme, die an dieser Stelle zum Beispiel zur Musik passt, durch harte optische Details ersetzt wird.
Und so gibt es zwei Auswege aus dem aktuellen Unwohlsein. Der erste ist ein sozialer: Da Sehgewohnheiten natürlich ein kulturelles und kein angeborenes Phänomen sind, ist es nur eine Frage der Zeit, bis man sich an die neue Hyper-Realität und Über-Schräfe gewohnt hat und auch in ihr ein gewisse Harmonie und Ruhe des Bildes findet. Doch so recht will man es nicht glauben und Lust auf eine Umgewöhnungsphase um der neuen Technik Willen, wer möchte das schon? So ist die zweite Lösung eine pragmatisch-technische: Dem digitalen Film wird einfach ein künstlicher “grain” zugefügt. Das gewohnte Filmkorn wird also durch elektronische Zufallsmuster wieder als Struktur über Aufnahmen gelegt. Vorher Bedingtheit des Mediums, nun stilistisches Mittel.
Und so wird nach einer kurzen Verschärfung wohl wieder alles beim alten sein: Film, der mit einer Körnigkeit seinen (vom Inhalt unabhängigen) fiktionalen Charakter unterstreicht und dem Zuschauer trotz hoher Bildauflösung ein wohliges Gefühl vermittelt. Das klingt ein wenig unpoilitisch, ist es auch – aber medientheoretisch interessant. Regisseur Peter Jackson sagte dazu ganz passend: “If you shoot at 4K, but want a “film look”, then you finish at 2K and add some grain. It’s easy. It looks like film.”. Ja, it looks like film, ist aber keiner und das Filmkorn ist einer digitalen Renaissance wieder auferstanden.

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Interview auf Caroma Club/Fritz! zu Hacker-Filmen
Von ccm | 4.Januar 2010
Überraschend wurde ich zum 2. Januar in die Sendung “Caroma Club” auf Radio Fritz! eingeladen, um mit Moderatorin Caro über Hacker-Filme zu sprechen. Mit dem Thema setze ich mich nun seit längerem auseinander und habe 2009 bereits auf dem Hacker Space Festival (Paris) darüber gesprochen.
Ein Mitschnitt des Interviews kann hier gehört werden:
Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.
Alternativ gibt es einen direkten Download hier.
Weitergehende Informationen zu den angesprochenen Themen:
- Screenshots zu verschiedenen Filmen (u.a. “Matrix Reloaded”, “Die Hard 4″), die das Tool “nmap” verwenden: nmap in movies.
- Artikel zur Darstellung von Hacks in Matrix auf BBC News: “Matrix mixes life and hacking“.
- Ausführliche Inhaltsangabe zum Film “Peng! Du bist tot“.
- Ankündigung zur Voraufführung von “Hacker” im Rahmen des 26C3 Congresses: “Hacker – Der Film“.
- Interview mit Regisseur Alexander Biedermann über “Hacker – Der Film”.
Themen: Hacker, Kino, Kultur, Kulturgeschichte, Medien, Medientheorie | Kein Kommentar »
The hack will not be televised? Wenn der Bildschirm im Bildschirm flimmert
Von ccm | 10.November 2009
Nur eine kurze Notiz: Nachdem ich dieses Jahr bereits auf dem Hacker Space Festival in Paris auf der Basis meiner Liste von Hacker-Filmen über “The only Mov(i)e is … Hacker in Movies” gesprochen habe, wollte ich das Thema für den Chaos Congress Ende dieses Jahres von der kinematografischen Seite her aufrollen. Leider ist der Congress mit Vortragenden überrannt und so wurde mir nun doch noch kurzfristig abgesagt.
Abstract des Vortrags:
“The hack will not be televised? Wenn der Bildschirm im Bildschirm flimmert
Hacker-Filme müssen rekursiv im Medium Film arbeiten: Sie versuchen, das schwer darstellbare Moment eines Hacks durch Präsentation von Bildschirm-Sequenzen zu zeigen. Die oft kurzen Szenen weisen ein überraschend breites Spektrum von detailgetreuen Abbildungen bekannter Tools hin zu fiktiven 3D-Welten. Diese breite Palette an Präsentationsformen ist zum einen interessant, verweist zum anderen aber auch auf die Schwierigkeiten der medialen und damit populären Vermittelbarkeit eines Hacks und des Sujets “Hacking” an sich.
Der Vortrag präsentiert Szenen aus bekannten und unbekannten Filmen und geht der Frage nach, welches Hacker-Bild durch die kinematografische Aufbereitung des Hacks als performativem Akt vermittelt will.”
Erfreulicher Weise gibt es bereits Interesse von anderer Seite für einen Vortrag im Frühjahr 2010.

Themen: Hacker, Kino, Kultur, Kulturgeschichte, Medien, Vortrag | 1 Kommentar »
Lesung “Vernetzt”, am 22.9.
Von ccm | 21.September 2009
Am 22.9. findet eine Lesung aus dem jüngst erschienen Buch “Vernetzt” statt. Im offiziellen Akündigungstext heißt es dazu:
“Lesung aus Vernetzt
Monarch, Skalitzerstr. 134
22.09.2009, 20.30 Uhr“Vernetzt” [Verbrecher Verlag, 2009] ist das neue Buch der Berliner Gazette, herausgegeben von Krystian Woznicki, der sich nach zehn Jahren Chefredaktion nun vor allem als Vorstandsvorsitzender des Berliner Gazette e.V. verdient machen will. Ueber 40 “Kreative” aus diversen Laendern haben fuer das Buch geschrieben, inzwischen wird es auch vielerorts gelesen, u.a. von Journalisten, die es zum oeffentlichen Gespraechsthema machen. Anton Waldt von der Zeitschrift fuer elektronische Lebensaspekte De:Bug haelt fest: “Die Geschichten kreisen um das Thema, was freischaffende Kreative mit dem Internet anfangen und was das Internet mit ihnen anstellt. Erkenntnisse blitzen dabei in angenehmer Frequenz auf, die grosse Buhei-Trommel der Netz-Utopien wird einfach links liegen gelassen.”
Auch Frederic Valin von Spreeblick hat “Vernetzt” gelesen und meint: “Jeder Text hat den Charme eines ueberraschenden Gespraechs an einem Tresen mit einer Person, die schonmal was erlebt hat und davon, manchmal besser, manchmal schlechter zu erzaehlen hat. Kurzum: Es ist ein Buch, mit dem man ein Bier trinken gehen moechte.” Marietta Schwarz vom Deutschlandfunk sieht es im Grunde nicht anders, wenn sie ueber das Buch befindet: “Handfestes und Reflektionen.” Reflektionen ausgeloest hat der Sammelband auch bei Eva Kaczor von Miss Creative Classy: “Mich hat “Vernetzt” dazu gebracht darueber nachzudenken, warum mich vernetzt sein manchmal nervt.”
Zur Abwechselung sollen nun die “Vernetzt”-AutorInnen selbst zu Wort kommen – natuerlich im Rahmen einer Verbrecherversammlung in dem Klub Monarch. Bei der Veranstaltung lesen der Musiker und Komponist Dirk Dresselhaus alias Schneider TM, der Architekturprofessor Franz Xaver Baier, die Lektorin und Kunstkritikerin Anne Schreiber sowie der Unternehmer Florian Kosak, die neue Chefredakteurin der Berliner Gazette Magdalena Taube und Krystian Woznicki. Der Eintrittspreis betraegt 4 Euro.”
Spreeblick schreibt über das Buch:
“[...] jeder Text hat den Charme eines überraschenden Gesprächs an einem Tresen mit einer Person, die schonmal was erlebt hat und davon, manchmal besser, manchmal schlechter zu erzählen hat.Kurzum: Es ist ein Buch, mit dem man ein Bier trinken gehen möchte.“
Quelle: Spreeblick

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Symposium “Meergemeinschaft” der Berliner Gazette – am 12./13.6. in den Sophiensälen Berlin
Von ccm | 10.Juni 2009
An diesem Freitag, dem 12. und Samstag, den 13.6., veranstaltet die Berliner Gazette , für deren Logbuch ich regelmäßig Artikel
Am Freitag, den 12.6., beginnt das Symposium mit der Podiumsdiskussion “Performance”:
“Tanz, Theater, Festival und Festspiel – in ihrer fliessenden, fluechtigen Beschaffenheit bieten sich solche Ereignisse dazu an, verschiedene Formationen des Kollektiven modellhaft zu erproben. Aber welche zukunftsweisenden Ansaetze bieten sie zur Gestaltung, Inszenierung beziehungsweise Dekonstruktion von Gemeinschaft? Die Podiumsdiskussion bringt Inge Baxmann [Kulturwissenschaftlerin], Florian B. Mueck [Unternehmer] und Christopher Uhe [Komponist] zusammen. Zur Einleitung liest die Schauspielerin Sabine Waffender Texte mit Wasser-Motiven von Franz Kafka und anderen. Publikumsgespraech mit Waffeln und Wasser im Anschluss an die Diskussion.”
Persönlich ist das nicht unbedingt mein Thema, jedoch klingt die Einleitung mit Wasser-Motiven von Franz Kafka recht reizvoll, da ich Kafka bisher nicht mit Wasser assoziiert hätte.
Am Samstag, den 13.6. gibt es einen Workshop “Medien” für Jugendliche zwischen 17 und 25:
“Aus so unbegrenzt vielen Verbindungen, wie sie das Meer bietet, setzt sich heute die Gesellschaft zusammen; als Katalysator dienen Medien. Aber wie koennen Medien zu Buehnen werden, die die Erfahrung von Gemeinschaft kritisch reflektieren? Der Workshop ermoeglicht jungen/angehenden MedienmacherInnen zwischen 17 und 25 den Austausch mit MedienexpertInnen: Vettka Kirillova [Netz- und Performancekuenstlerin], Wolfgang Knauff [Unternehmer] und Roman Schmidt [Publizist].”
Es sind wohl noch zwei bis drei Plätze frei, die Anmeldung erfolgt per formloser E-Mail an Magdalena Taube (mt@berlinergazette.de).
Der eigentliche Höhepunkt – zumindest für mich – beendet das Symposium. Am Samstag Abend, ab 19 Uhr findet der Vortrag “Philosophie” statt:
“Bei dem Vortrag ueber Gemeinschaft und Gewalt im Zeitalter der Globalisierung kommt mit dem Philosophen Roberto Esposito ein international diskutierter Denker zu Wort, der in seiner innovativen Gemeinschaftstheorie das Maritime des Gemeinsam-Seins herausgearbeitet hat. Fuer ihn ist >das Meer die […] bewegliche und extreme Form jener Trennung, der wir ausgeliefert sind. Das Element der Entwurzelung – und deswegen auch der Verlust der Herrschaft ueber unser Geschick<. Sabine Waffender liest zur Einleitung Textpassagen mit Wasser-Motiven von Friedrich Hoelderlin und anderen.”
Bisher hatte ich in meiner Arbeit keine Berührung mit dem italienisches Philosophen Roberto Esposito. Die Klappentexte seiner Bücher “Communitas.Ursprung und Wege der Gemeinschaft” und “Immunitas. Schutz und Negation des Leben” scheinen ihn irgendwo zwischen Giorgio Agamben und Francois Jacob (“Die Logik des Lebenden”) zu verorten. Ein sicher interessanter Abend in ansprechend-angenehmer Umgebung.
Themen: Berlin, Kultur, Kulturgeschichte, Literatur, Medien, Musik, Philosophie, Veranstaltung, Wasser | Kein Kommentar »
Vom Web 2.0 und der Amnesie von Online-Quellen
Von ccm | 2.Juni 2009
Ein amüsantesLesemoment hatte ich bei der Vorbereitung meines Besuchs des “Crashkurs Online-Medien” der Berliner Gazette, deren Abend zum Thema “Web 2.0″ ich morgen Abend begleite. Es bot sich an, vorbereitend einen Blick in Geert Lovinks “Zero Comments: Elemente einer kritischen Internetkultur” zu werfen, das bereits zu lang auf meinem Schreibtisch liegend auf eine Rezension für die Berliner Gazette wartet. Lovink versucht mit einem Kniff den leidigen Definitionsversuch “Web 2.0″ zu umgehen, indem er in einer Fußnote anmerkt
“Statt einer Definition des Web 2.0, z.B. jener von Wikipedia, würde ich gerne auf den folgenden Eintrab bei Listible verweisen: www.listible.com/list/complete-list-of-web-2-0-products-and-services“
Quelle: Geert Lovink, Zero Comments. Elemente einer kritischen Internetkultur, Bielefeld 2008, S. 9.
Nun ist das Anliegen verständlich und warum sollte man gerade die Definition von “Web 2.0″ nicht dem Web überlassen, dabei aber der bereits übermächtigen Wikipedia entfliehen und auf eine web-2.0-affine Liste von Web 2.0 Diensten verweisen? Nun, wie sich herausstellt: Weil der Link nicht mehr verfügbar ist und die scheinbar oft zitierte Liste sich im Datennirvana aufgelöst hat. Dies entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn nicht Ironie, die die Vergänglichkeit von Onlinequellen in Allgemeinen und Web 2.0 Phänomenen im speziellen gerade an deren Definition festmacht. Immerhin muss man zugestehen dass allein die “sprechende URL”, also lesbare Adresse, eine technische Errungenschaft, die in ihrer Durchsetzung sicher dem Web 2.0 zugeschrieben werden kann, trotz fehlendem Inhalt eine Assoziation auslöst – quasi Abstract und Adresse in einem ist.
Ein Zugriff auf die Liste ist übrigens weiterhin möglich, über das web.archive.org Projekt:
http://web.archive.org/web/20080209162222/http://www.listible.com/list/complete-list-of-web-2-0-products-and-services
Eine andere web-2.0-affine Definition des Web 2.0 liefert die für die Wikipedia übberraschend modern aussehende, klickbare Tag Cloud zum Thema: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a7/Web_2.0_Map.svg
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Jour Fixe “Medien und Entwicklung” am 24. April (u.a. mit Tom Tykwer)
Von ccm | 18.April 2009
Gespannt blicke ich dem nächsten Freitag, 24. April, entgegen. Auf einen Hinweis der Berliner Gazette, habe ich mich für eine Teilnahme am jährlichen Jour Fixe “Medien und Entwicklung” eingetragen, veranstaltet durch “mict international” im Hamburger Bahnhof in Berlin, eingetragen.Fokus der eintägigen Konferenz liegt auf der Vorstellung und kritischen Bewertung von “deutschen Initiativen [...], die Medienproduktion und Rezeption in Asien, Afrika, Lateinamerika oder Osteuropa mit eigenen Projekten begleiten” (siehe Programm).
Das Programm ist recht breit gefächert – sicher eine Herausforderung für den Tag, zugleich aber auch eine Chance:
- Keynote Speaker: Prof. Dr. Alina Mungiu-Pippidi, Professorin für Demokratieforschung an der Hertie School of Governance in Berlin
- Andrea Goetzke und Geraldine de Bastion
Ubuntu und der Freedom Toaster. Offene Software und Digitale Kultur in Afrika,- Tom Tykwer
The Making of Soulboy. Eine Filmproduktion in den Slums von Nairobi,- Dr. Martin Ritter
Wen interessiert die Vergangenheit? Relevanz und Reichweite der Medienberichterstattung während des Rote-Khmer-Tribunals in Kambodscha,- Dr. Helmut Osang
Radio for the people – Ein Versuch, Radio in Südlaos auf den Kopf zu stellen,- A. Sofie Jannusch
mediaME – A Participatory Platform for Sharing Tools and Approaches for Media Development Monitoring and Evaluation,- Christian Kreutz
Mobile Activism in Afrika – eine (fast) unbemerkte Revolution,- Anja Wollenberg
Im Superwahljahr´09 mit Journalisten in Netzwerken arbeiten und lernen. Ein Erfahrungsbericht aus Irak und ein Ausblick in den Sudan,- Moderation: Matthias Spielkamp.
Quelle: reset.to.
Von besonderem Interesse für mich ist der Vortrag von Andrea Goetzke und Geraldine de Bastion von “newthinking communications” über den Einsatz von Ubuntu in Afrika. Während ich selbst über “Ubuntu Berlin“, “ubuntu Deutschland e.V.” und den über deutsche Grenzen hinaus bekannten “c-base e.V.“ mich im deutschsprachigen und insbesondere Berliner Raum für Freie Software Projekte engagiere, ist meine Vorstellung über den Einsatz Freier Software und Digitaler Kultur z.B. in Afrika eher unscharf (wenn ich auch durch ein zeitweises Engagement im Rahmen des OLPC-Projektes hier einen ersten Einblick nehmen durfte). Letztlich steht man hier schnell vor der Diskussion, ob eine funktionierte Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten nicht oberste und einzige Priorität sein sollte. Vielleicht wird der Vortrag auch auf diese oft angebrachte Kritik eingehen.
Sicher ebenso interessant wird es sein, den unter anderem durch “Lola Rennt” und “The International” bekannten Regisseur Tom Tykwer in einem gänzlich unglamorösen Kontext reden und denken zu sehen. Während es mittlerweile zum guten Ton gehört, als Filmschaffender scharenweise Kinder zu adoptieren und als Botschafter für irgendein Hilfswerk in die Kamera zu lächeln, ist allein das Thema Tykwers überraschend: die künstlerische Ausbildung von Kindern in Afrika.
Ob das breit gefächerte Programm als Rundreise zwischen “Asien, Afrika, Lateinamerika oder Osteuropa” aufgeht, wird nach dem Tag zu sehen sein. Es wäre wünschenswert, dass sich entweder ein roter Faden zwischen den einzelnen Abschnitten entlangzieht oder klar gestellt werden kann, dass trotz des größten gemeinsamen Teilers “Medienentwicklung in Krisenregionen und Schwellenländern” die einzelnen Aktivitäten recht klar voneinander zu trennen sind. Ich bin gespannt.
Das vollständige Programm ist verfügbar als PDF.

Themen: Entwicklungshilfe, Kultur, Kulturgeschichte, Medien, Veranstaltung, Wissenschaft | 4 Kommentare »
“Vorläufiger Höhepunkt einer Jahrhunderte alten Kulturtechnik”
Von ccm | 14.April 2009
Erstaunlich enthusiastisch äußert sich Ralf Grötker im Telepolis-Artikel “Alles verzettelt!” über die Browser-Erweiterung “Zotero“. Dabei ist ihm Grunde auch erst einmal Recht zu geben: Zotero ist – gerade als Erweiterung im Browser – eine sehr nützliche Software im Umgang mit Quellen. Mit wenigen Klicks ist es möglich, Webseiten als zitierbare Quellen mit Zeitstempel zu sichern, sowie generell Quellen wie Bücher, Artikel und Notizen zu verwalten und diese während des Schreibens von Texten in Microsoft Word oder OpenOffice direkt als Quellangaben einzubinden.
Dies ist mit Sicherheit ein weiterer wichtiger Schritt in eine leistungsstarke und komplett freie Umgebung für (angehende) Akademiker. War es bis vor kurzem noch selbstverständlich mit Standards wie Windows, Microsoft Office und Endnote zu arbeiten, zeigen hier mehr und mehr kommerzielle und insbesondere freie Alternativen ein breites Sprektrum an Auswahlmöglichkeiten auf.
Der Enthusiasmus bezüglich Zotero ist aber weniger einer über das, was ist, als vielmehr über das, was vielleicht wird: Zotero, entwickelt vom Zentrum für Geschichte und Neue Medien George Mason University, soll zukünftig zunehmend auf soziale Komponenten bauen. Gemeint ist hiermit insbesondere die kollektive Verschlagwortung von Online-Ressourcen im Sinne von Delicious oder Connotea, wie auch die darauf aufbauend mögliche Korrelations-Berechnung von Quellen. “Vorläufiger Höhepunkt einer jahrhunderte alten Kulturtechnik” der Karteikarte sei dies, so fasst es Grötker zusammen.
Dabei scheint in Vergessenheit zu geraten, dass Universalprojekte seit Jahrhunderten sich an umfassenden Nachschlagewerken versuchen. Die Idee ist nicht neu – nichtzuletzt seien die etliche Bände umfassenden Enzyklopädien genannt. Das Problem einer solchen jedoch ist nicht unbedingt das Fehlen von Inhalten oder eine nicht ausreichende Aktualität, sondern vielmehr eine häufig zu hohe Informationsdichte, die letztlich eher dem Sammelinstinkt Rechnung trägt, Bibliothekars-Herzen höher schlagen lasst, im Grunde aber immer nur auf das Sammeln des nächsten Objektes verweist.
Schlage ich beispielsweise bei Delicous unter “Medienkultur” nach, erhalte ich 293 Treffer – eine gerade noch zu bewältigende Menge ob des speziellen Begriffes. Und dennoch scheint die Bandbreite dessen, was die verschiedenen Nutzer unter diesem Begriff verstehen und verschlagworten derart weit gefächert zu sein, dass (zumindest) ich nicht auf die Idee käme, hier ernsthaft nach nicht-technischen Quellen zu suchen. Stattdessen greife ich gleich auf Volltextrecherchen (Suchmaschinen) zurück.
Das soll nicht Fortschritts-ablehnend klingen: Geteilte Informationsablagen haben durchaus Vorteile. Jedoch ist ein grenzenlos offenes System der Verschlagwortung – das nicht einmal wie Wikipedia sich durch kontinuierliches Editieren nur einer Fassung als Kompromiss zwangsläufig nähern muss – vor allem eines: grenzenlos. Allein Begriffe wie “Medien”, “Diskurs”, “Dispositiv” sind in einzelnen Disziplinen teilweise sehr genau definiert, als Schlagworte in einem übergreifenden System jedoch scheitern sie schnell am Fehlen eines Kontextes.
Und so ist die vielversprechendste anstehende Neuerung in Zotero eher “Zotero Commons“, ein zentrales, freies Ablagesystem im Rahmen des “Internet Archive”, dass digitale Quellen zu einem bestimmten Zeitpunkt konserviert und somit für eine wissenschaftliche Zitationsweise zugänglich macht. Ob sich dadurch wissenschaftliche Vorbehalte gegen nicht “reviewte” Quellen aus dem Internet aus dem Weg räumen lassen, ist fraglich, immerhin aber könnte ein Weg für ein einheitlicheres und vor allem nachvollziehbares Zitationssystem für Online-Quellen geschaffen werden.
Ob der vorläufige Höhepunkt der Karteikarte, über die Markus Krajewski übrigens das hervorragende Buch “Zettelwirtschaft: Die Geburt der Kartei aus dem Geiste der Bibliothek” (und zugleich die passende Software “Synapsen“) veröffentlicht hat, nun so schnell erreicht ist und pb sich kollektive Quellensammlungen überhaupt in eine Genealogie der Kartei integrieren können und sollten, sei dahingestellt. Eine konsequente Weiterentwicklung freier Mittel zur akademisches Arbeit ist es alle mal, und, wie Grötke unterstreicht, “zur Sammlung von Kochrezepten, Reisetipps oder Geschenkideen” eignet es sich auch noch.

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Medienwissenschaft – Ein deutscher Sonderweg?
Von ccm | 13.April 2009
Theo Röhle von netzmedium.de weist auf eine erstaunlich gut besetzte Poduiumsdiskussion (u.a. Friedrich Kittler, Hartmut Winkler, Geert Lovink und Hans Ulrich Gumbrecht) zum Thema “Medienwissenschaft: Ein deutscher Sonderweg?” an der Universität Siegen hin.
Aus dem offiziellen Ankündigungstext:
Ohne Übertreibung kann man Mediengeschichte und Medientheorie als eine idiosynkratische Entwicklung der Kulturwissenschaften in Deutschland beschreiben. Weltweit nehmen deshalb einschlägig interessierte Forscher an deutschen Publikationen Maß. Trotzdem lässt sich der Glaube an deutschen Universitäten nicht unterdrücken, dass das Mekka der Medientheorie im Ausland seinen Ort haben müsse. Für Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford University) kommt in dieser unangemessenen Bescheidenheit auch ein Effekt von interkulturellem Provinzialismus zum Tragen. Denn wenn die deutschen Medienforscher schon ihre eigene Vorrangstellung nicht anerkennen können, so würden sie es wohl für noch undenkbarer halten, dass eine Forschungsrichtung, die sie fasziniert, in vielen akademischen Nationalkulturen überhaupt nicht präsent ist.
Quelle: www.uni-siegen.de
Ein wenig verblüffend ist der Nachdruck dieser Absatzes schon. Abgesehen von einer scheinbar plötzlich nachrangigen Medientheorie und -geschichte des nicht-deutschsprachigen Raumes (erinnert sei allein an die Denker der Toronto School um McLuhan, Innis und Ong), scheint irgend etwas mit dem Argument nicht zu stimmen. Und so verwundert es kaum, dass netzmedium recht kritisch anmerkt:
Talk about German “supremacy” hardly seems like the right kind of attitude to make these encounters happen. It appears to me that it is not so much the false modesty of German scholars that is at the root of this gap but rather the self-induced isolationism of German academia.
Quelle: netzmedium.de
Nun ist auch dieses Argument – einer selbstverschuldeten Isolation – nicht unbedingt unkritisch hinzunehmen. Immerhin isoliert es durch eben jene absolute Zusammenfassung eines Abstraktums deutscher Medientheorie und schafft im Moment des Aussprechens eine Zuschreibung, die sicher ihren Teil zur Isolation beiträgt, indem sie ein Spektrum an Veröffentlichungen und Theoretikern verflacht. Nachvollziehbar ist der Vorwurf aber alle mal, wenn jedoch auch bedacht werden sollte, dass allein der gerade im medientheoretischen Bereich andauernde Konflikt zwischen zumeist eher bodenständigen amerikanischen und oft eher abstrakten europäischen Theorien seinen Teil zu einer möglichen Alleinstellung beiträgt.
Nichtsdestotrotz eine sicher interessante Diskussion.

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Fremdschaemen
Von ccm | 8.April 2009
Vor einigen Wochen ereilte mich ein Schock zum Samstag: Ein Blick auf die Strasse offenbarte einen Demonstrationszug, der direkt vor meinem Haus hielt und dutzende Polizisten, die eine aufgebrachte Menge davon abhielten, noch naeher zu kommen. >>Thor Steinar schliessen<< hiess es und schnell offenbarte sich das ganze Uebel: Quasi ueber Nacht hatte im Nebenhaus ein Geschaeft der fuer die Neonaziszene bekannten Marke >>Thor Steinar<< eroeffnet. Eine Stunde spaeter war der erste Hitlergruss auf der Strasse zu sehen. Panik schlich sich ein. Hoffnung auf >>Gegenwehr<<, die nicht lange auf sich warten liess.
Doch treten wir einen Schritt zurueck und beschreiben die Szene abstrakt: Ein Geschaeft eroeffnet in einer Strasse. Ab dem Tag der Eroeffnung wird der Laden nahezu taeglich mit Farbbeuteln beworfen, die Scheiben tagsueber eingeschlagen, die Mitarbeiter und Einkaeufer beschimpft, vor das Geschaeft gespuckt, der Mittelfinger beim Vorbeigehen gezeigt und ueberdurchschnittlich viele Hunde erledigen unter Anleitung ihrer Halter ihre Geschaefte allabendlich nach Ladenschluss vor den verriegelten Schaufenstern. Es herrschen eine gereizte Stimmung und gegenseitiges Misstrauen zwischen Passanten und Ladenhuetern.
Diese Szene kommt befremdlich anachronistisch bekannt vor. Ist es nicht eben jene Szene, die im Schulunterricht als Ur-Parabel erzaehlt wurde ueber den verwerflichen Umgang mit als Fremdkoerpern empfundenen Geschaeften vor 1945? Waren es nicht eben jene Taten wie das Einschlagen von Scheiben, das wiederholte Beschmieren, Spucken, Beschimpfen, die Betroffenheit und historisches Unverstaendnis in einem erzeugten? Dies mag zugespitzt klingen und dennoch wirft es die Frage auf, wie man eigentlich mit dem umgeht, was einem fremd und zuwider ist – ohne Dinge zu tun, fuer die man selbst andere Menschen verurteilen wuerde.
Was also bleibt, ist ein aeusserst fader Beigeschmack, der die staendig praesente buergerliche Courage vorm eigenen Haus als peinlich und unbeholfenen anmutenden Aktionismus erscheinen laesst, der mit eben jenen Mitteln kaempft, fuer die er andere zur Rechenschaft ziehen moechte: Verbreiten von Angst, Zerstoerung, Diskriminierung. Es liesse sich viel einwenden im Sinne von >>Recht so<<, doch sind wir ehrlich, ist es nichts, worauf man stolz sein kann. Im Gegenteil – Fremdschaemen ist angesagt, spaetestens, wenn eine betrunkene Horde Jugendlicher ihr Adrenalin beim Werfen von Farbbeuteln auslebt.
Doch was kann man tun? Vielleicht geben die aktuelle Debatte um die Parteienfinanzierung und John Grishams >>Die Firma<< eine Antwort: Man kann das Spiel spielen. Waehrend ein Laden wie Thor Steinar sicher kaum schliesst, weil ein mutiger Buerger vor das Geschaeft spuckt, sind Mieter in Haus und Umgebung, die Mietminderung verlangen, ein Vermieter, der auf Druck von Oeffentlichkeit und Politik fristlos kuendigt und eine Stadtverwaltung, die es vielleicht etwas genauer nimmt bei der Pruefung von Parkplaetzen und Muelltrennung, Mittel, die zwar weniger Aggression abbauen, dafuer aber nachhaltiger und weniger … verkehrt.
(erschien zuerst in der Berliner Gazette)

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