Heute ist Internationaler Frauentag und ich möchte die Gelegenheit nutzen, eine Ergänzungsgeschichte zur häufig verkürzten Formel „Ada Lovelace war die erste Programmiererin der Welt“ zu entwerfen. Der Impuls für diese Perspektive war eine Recherche für den Vortrag eines meiner Kinder über Ada. Dabei sahen wir einen kurzen Arte-Film, in dem es bereits in der Ankündigung heißt:
Für die Ärzte ihrer Zeit war die „umherschweifende Gebärmutter“ von Ada Lovelace (1815-1852) der Grund ihrer „Hysterie“ – sprich: ihrer wissenschaftlichen Begabung. Eine abstruse Theorie, mit der sich die Erfolge von Lord Byrons Tochter prima kleinreden ließen.
(Quelle)
Für diese konkrete Behauptung finde ich allerdings keine direkte Quelle. Wahrscheinlicher ist, dass hier eine historische Zuschreibung vorliegt: „Hysterie“ wurde über Jahrhunderte hinweg mit der Vorstellung einer „wandernden Gebärmutter“ erklärt. Ob Ada Lovelace tatsächlich wörtlich so diagnostiziert wurde, bleibt unklar. Dass die allgemeine, in der Regel von Männern attestierte Diagnose „Hysterie“ insbesondere in ihrer Jugend im Raum stand, ist hingegen unstrittig. Nur zu passend zu unserem Thema ist dabei die Tatsache, dass diese Zuschreibung, für die es lange keine männliche Entsprechung gab, sich etymologisch von Gebärmutter ableitet. Entscheidend ist jedoch, dass solche medizinischen Vorstellungen das Denken über Frauen über Jahrhunderte prägten. Allein dieser Blick auf ihr Leben eröffnet einen Ausgangspunkt für eine kleine Alternativgeschichte.
In den meisten Erzählungen über Ada Lovelace fehlt zunächst ein wichtiger Hinweis: die Rolle ihrer Mutter. Anne Isabella Noel Byron entzog ihre Tochter nicht nur dem exzentrischen und egoistischen Lebensstil ihres Vaters Lord Byron. Sie sorgte auch gezielt dafür, dass Ada eine naturwissenschaftliche Ausbildung erhielt. Ironischerweise geschah das nicht einfach aus Begeisterung für Wissenschaft, sondern aus Sorge: Annabella Byron wollte verhindern, dass ihre Tochter die poetische Exzentrik ihres Vaters erbt. Mathematik erschien ihr als Gegenmittel zur Romantik.

Entgegen den Konventionen ihrer Zeit ermöglichte sie einem Mädchen Zugang zu Mathematik und Wissenschaft. Sie organisierte Unterricht, stellte Lehrmaterialien bereit und nahm Ada in gesellschaftliche Kreise mit, in denen sie schließlich auch Charles Babbage begegnete.
Doch wenden wir uns der Gebärmutter zu. Ein Wort, das bei manchen Lesern, ich gendere hier nicht, vielleicht bereits Unbehagen auslöst. Gebärmutter, Gebärmutter, Gebärmutter. Ada Lovelace war nicht nur eine technische Denkerin. Sie war auch Mutter von drei Kindern – eine Seite ihres Lebens, die in vielen Technikgeschichten kaum vorkommt. Dabei geht es nicht darum, die oft gestellte Frage nach der Mutterschaft von Frauen erneut aufzuwärmen. Es geht vielmehr darum, Ada Lovelace nicht auf die ewig reproduzierten Gemälde-Portraits und knappen Kurzbiografien zu reduzieren. Ihr Leben war weitaus mehr. Bereits im 19. Jahrhundert lebte sie eine Doppelrolle aus Wissensarbeit und Carearbeit, über die wir heute wieder intensiv sprechen. Auch wenn Ada Lovelace als Aristokratin sicher über Personal und unterstützende Ressourcen verfügte, nahmen Kinder, gesellschaftliche Verpflichtungen und Haushaltsführung auch in gutem Hause einen erheblichen Teil der Zeit ein – neben Krankheit und der zwischengeschobenen wissenschaftlichen Arbeit.
Und schließlich starb Ada Lovelace im Alter von nur 36 Jahren an Gebärmutterkrebs. Die medizinischen Möglichkeiten ihrer Zeit waren gering. Gleichzeitig zeigt die Geschichte der Medizin deutlich, wie schwierig Erkrankungen des weiblichen Körpers behandelt und überhaupt thematisiert wurden. Untersuchungen waren gesellschaftlich tabuisiert, Diagnosen oft moralisch aufgeladen, und viele Beschwerden von Frauen wurden vorschnell als „hysterisch“ interpretiert.
Achtung, es wird nun heikel:
Diese medizinische Geschichte wirkt bis heute nach. Dass Frauenkrankheiten lange unterschätzt, fehlinterpretiert oder schlechter erforscht wurden, ist inzwischen gut dokumentiert. Vielleicht lohnt es sich also, Ada Lovelace nicht nur als „erste Programmiererin“ zu erzählen. Sondern auch als eine Frau ihrer Zeit: Tochter, Mutter, Patientin – und als jemand, der trotz der gesellschaftlichen und medizinischen Bedingungen des 19. Jahrhunderts wissenschaftlich arbeitete.
Technikgeschichte wird oft so erzählt, als bestünde sie nur aus Ideen, Maschinen und genialen Einfällen. Doch hinter diesen Geschichten stehen immer auch Körper: Menschen, die krank werden, Kinder bekommen, arbeiten, gepflegt werden müssen oder schlicht nicht in die Rollen passen, die ihre Zeit für sie vorgesehen hat. Vielleicht ist es deshalb gar nicht so falsch, am Frauentag einmal über die Gebärmutter von Ada Lovelace zu sprechen. Nicht um sie zu reduzieren – sondern um die Geschichte wieder vollständig zu machen.
p.s.: Geschlecht wird heute differenzierter verstanden. Eine Gebärmutter definiert keine Frau. Doch im 19. Jahrhundert wurden Körper medizinisch und gesellschaftlich deutlich eindeutiger gelesen. Auch deshalb gehört die Gebärmutter zur historischen Realität des Lebens von Ada Lovelace.
Weitere Gedanken zum Thema Ada und ihrer Erkrankung gibt es zum Beispiel im Artikel The history of the smear test, from Ada Lovelace’s death to Victorian fears it would corrupt women und im Buch »Ada. A Life And A Legacy” von Dorothy Stein, erschienen 1985 bei MIT Press, auf deutsch als »Ada Augusta Lovelace. Eine Frau am Anfang der Moderne« bei Kadmos.