Mediengeschichte, Gegenwartsdebugging, Zukunftskritik.

Ich bin heute über eine längere Diskussion auf GitHub gestolpert, die exemplarisch zeigt, wie „KI“s bisherige Open-Source-Ökosysteme zerstören und derzeit keine Lösung in Sicht ist. Da das Thema exemplarisch interessant, aber auch etwas technisch ist, versuche ich, es hier noch einmal abstrakt zu beschreiben, auch wenn es an anderen Stellen dazu schon Berichte gibt. Es ist also wenig bis kein technisches Wissen notwendig, um dem Vorgang zu folgen und am Ende ein paar Gedanken zu den Folgen dieser Entwicklung zu formulieren.

Was ist Tailwind CSS?

Auf GitHub, der Quasi-Standard-Plattform für Quelltexte vieler Open-Source-Projekte, liegt auch das Projekt „Tailwind CSS“. Tailwind ist ein sogenanntes CSS-Framework, das heißt, es bietet vorbereitete und gut aufeinander abgestimmte Code-Schnipsel, mit denen EntwicklerInnen mit wenig Aufwand technisch sauber moderne Webseiten gestalten können. Als Open-Source-Projekt stellt Tailwind seinen Code frei zugänglich zur Verfügung.

Das Geschäftsmodell von Tailwind CSS: Zugang zu Premium-Vorlagen. (Quelle)

Wie viele Unternehmungen aus dem Open-Source-Bereich generiert Tailwind seine Einnahmen über kostenpflichtige Zusatzangebote. So können vorgefertigte, gut aussehende Design-Vorlagen gekauft werden. Außerdem besteht die Möglichkeit, das Projekt als Firmenkunde zu sponsorn und Zusatzdienstleistungen wie schnelleren Support zu beziehen. Tailwind CSS ist also ein frei verfügbares, kostenlos nutzbares Open-Source-Projekt, das die Finanzierung seiner Entwicklung als Unternehmen über Zusatzangebote und Sponsorschaften sicherstellt. Das Framework hat einen hohen Verbreitungsgrad und erfreut sich großer Beliebtheit bei EntwicklerInnen.

Mögliche Sponsorships für Firmenkunden mit Zusatzdienstleistungen. (Quelle)

Das Problem

Auf GitHub können EntwicklerInnen Änderungsvorschläge an Code einreichen. So steht es grundsätzlich jeder Person offen, neue Funktionen vorzuschlagen, indem sie diese selbst programmiert und über einen sogenannten Pull Request einreicht. Ein Projekt kann sich den Vorschlag ansehen und ihn gegebenenfalls übernehmen.

Für Tailwind wurde im November 2025 vorgeschlagen, eine Datei llms.txt hinzuzufügen. Diese Datei ist ein recht junger Standard, der es LLMs ermöglichen soll, Texte besonders einfach einzulesen. In diesem Fall sollte die Dokumentation von Tailwind gezielt „KI“-freundlich aufbereitet werden, sodass Sprachmodelle sie schnell erfassen und für ihre Code- und Textgenerierung nutzen können.

Der Pull Request war fertig und hätte, selbst mit kleineren Detailänderungen, relativ schnell übernommen werden können. Nach mehreren Rückfragen von Interessierten, warum sich der Prozess hinziehe, meldete sich der Gründer von Tailwind zu Wort. Er erklärte, dass er das Interesse an der Funktion verstehe, sie aber vorerst nicht einbauen werde. Er befinde sich aktuell in der schwierigen Situation, 75 % der EntwicklerInnen entlassen zu müssen, da die Firma trotz der hohen Verbreitung von Tailwind CSS finanziell in Schieflage geraten sei.

Screenshot des ersten Teils der Antwort von Adam Wathan, Gründer von Tailwind CSS. (Quelle)

Grund hierfür sei vor allem der drastische Rückgang der Seitenbesuche auf der Dokumentation. Diese seien bisher der zentrale Treiber des Geschäftsmodells gewesen: EntwicklerInnen kommen auf die Dokumentation, um die Feinheiten von Tailwind zu lernen, und werden dort zugleich über Zusatzangebote wie vorgefertigte Design-Vorlagen oder Sponsorschaften informiert. Darüber generiert die Firma die Einnahmen, mit denen wiederum die EntwicklerInnen bezahlt werden.

Der Parasit als Tod von Open-Source Projekten

„KI“s lesen also die Dokumentation eines Projekts ein und verhindern, indem sie Fragen beantworten oder automatisch Code erzeugen (gern „Vibe-Coding“ genannt, ich bevorzuge „Zucchini-Coding“), dass EntwicklerInnen überhaupt noch in direkten Kontakt mit dem Projekt treten. Hier treten Textmaschinen parasitär auf, die Inhalte einlesen und durch das Beseitigen eines als lästig empfundenen Lernprozesses – das Lesen von Dokumentation – die Grundlage für ihr eigenes Funktionieren untergraben.

Da hilft es auch nicht, wenn Google nun breitbeinig verkündet, man habe eine Sponsorschaft für Tailwind übernommen. Auch wenn der Applaus auf Twitter groß ist, muss man festhalten: Es ist ein wenig so, als würde man einem Hehler danken, weil er einen nach dem Diebstahl am Gewinn beteiligt.

Zugleich ist die Diskussion um alternative Geschäftsmodelle groß, die Ratschläge sind vielfältig. In der GitHub-Diskussion tritt dabei eine Anspruchshaltung zutage, die sich bei vielen KommentatorInnen darauf verdichten lässt, dass es nun einmal keinen Sinn mache, eine sinnvolle Schnittstelle für LLMs nicht zuzulassen. Man solle stattdessen das eigene Geschäftsmodell überdenken. Das automatische Auslesen durch LLMs und das Überspringen der Dokumentation als primäre Quelle werden dabei als naturgegeben hingenommen. Das sei nun eben so.

Man muss festhalten: Nein, es ist nicht so. Und während man Open-Source-Geschäftsmodelle durchaus kritisch auf ihre Nachhaltigkeit hin betrachten kann, ist der hier sichtbare Vorgang ein parasitärer Raubbau an Texten, wie er auch in anderen Bereichen, etwa bei Fiktion oder Sachtexten, zu beobachten ist. Technikversprechen der LLM-Anbieter hin oder her: Das kann so nicht funktionieren.

Wenn wir ersatzlos die Ökosysteme zerstören, die wir gleichzeitig nutzen wollen, werden diese Ökosysteme zur Brache. Am Beispiel von Tailwind CSS hieße das: ein Open-Source-Projekt, dessen Entwicklung weitgehend einfriert. Die automatische Erstellung von Code für dieses Projekt durch optimiertes Einlesen der Dokumentation bedeutet am Ende den Tod genau dieses Projekts.

Und dies, darum wurde das hier ausgeführt, ist ein pars pro toto für viele andere Projekte, die darauf angewiesen sind, dass man sie direkt ansteuert, liest, durchläuft. Dokumentationen, Handbücher, FAQs und Tutorials sind keine bloßen Rohstofflager, sondern mediale Schnittstellen. Sie strukturieren Lernprozesse, lenken Aufmerksamkeit und stiften Bindung zwischen Projekt und Nutzenden. Wer sie überspringt, nutzt nicht einfach effizienter. Er verändert das Dispositiv.

Diese Verschiebung ist medientheoretisch nicht neu. Wir haben sie bereits bei Suchmaschinen erlebt, die Inhalte nicht mehr vermittelten, sondern ersetzten, indem sie Zusammenfassungen an die Stelle der Quelle setzten. Mit LLMs wird dieser Schritt radikalisiert: Aus der Verweisstruktur des Netzes wird eine Extraktionslogik. Texte werden nicht mehr gelesen, sondern ausgebeutet, ihr Kontext verschwindet im Antwortformat.

Damit verändert sich auch, was ein Open-Source-Projekt überhaupt ist. Es wird nicht mehr als sozio-technisches Gefüge wahrgenommen, in dem Code, Dokumentation, Community und Finanzierung aufeinander bezogen sind, sondern als bloßer Datenlieferant für nachgelagerte Systeme. Das Projekt wird unsichtbar, während seine Produkte weiter zirkulieren.

Das Versprechen der LLM-Anbieter lautet Effizienz. Der Preis dafür ist der Verlust der Bedingungen, unter denen Wissen, Software und Kultur überhaupt entstehen können. Wenn Dokumentationen nur noch als Trainingsmaterial dienen und nicht mehr als Orte der Auseinandersetzung, dann sterben nicht nur einzelne Projekte. Dann bricht eine ganze Form der Wissensorganisation weg. Am Ende verlieren alle: die Projekte, die ausbluten, und die Nutzenden, die sich über immer glattere Antworten freuen, bis es nichts Neues mehr gibt, das beantwortet werden könnte. Die Verweigerung von Tailwind CSS eine KI-optimierte Dokumentation zu liefern erscheint damit völlig folgerichtig. Auch wenn sich der Tailwind-Gründer nicht als genereller KI-Kritiker positioniert, leistet er an dieser Stelle Widerstand, weil es keinen Sinn macht, Texte auch noch freiwillig besser für “KI”s lesbar zu machen

Ironischerweise beruhen LLMs selbst in hohem Maße auf Open-Source-Projekten, also genau jenen Strukturen, die sie nun unterminieren. Sicher wird man darauf achten, einzelne, besonders relevante Projekte finanziell am Leben zu halten, hier und da ein paar Taler über den Zaun zu werfen und sich dafür öffentlich Beifall abzuholen. Doch das ist keine Verantwortung für ein Ökosystem. Es ist ihre parasitäre Simulation.

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