Vortrag: Offene Beziehungen, oder: Zu Weihnachten fällt das Schenken schwer

Auf der diesjährigen Spackeriade, einer kleinen Konferenz rund um Post-Privacy, habe ich einen Vortrag über Offene Beziehungen gehalten. Der Titel suggeriert, es ginge um Polyamorie, doch dies war nicht das (Haupt-)Thema. Ich habe vielmehr über Liebesbeziehungen als mediale Konstruktionen und das Öffnen der Kommunikationskanäle gesprochen. Ich bin der Frage nachgegangen, warum es für gesellschaftliches Unverständnis sorgt, wenn man in einer Beziehung den Partner per Latitude orten kann (bei normalen Freunden aber eher akzeptabel scheint) und warum man dieses Unverständnis nicht teilen muss. Dazu aus dem Ankündigungstext:

Zückt man sein Smartphone und öffnet Latitude mit den Worten “Ich seh mal kurz nach, wo meine Partnerin gerade ist”, stößt man in der Regel auf Unverständnis. Eine Beziehung müsse schließlich auch Geheimnisse ermöglichen, jeder brauche sein Rückzugsgebiet. Ja, es seien gar Erotik und Anziehung gefährdet, denn nur was aufregend ist, kann gut sein.
Doch was am Modell »Privatsphäre in der Beziehung« ist tatsächlich notwendig und was nur gesellschaftlich tradiert? Wie lebt es sich in einer offenen, weil transparenten Beziehung, die nicht das Geheimnis als Bedingung von Romantik behauptet?

Der Vortrag ist ein erster Versuch zum Thema. Das Feedback war erfreulich positiv. Ich werde sicher noch einmal etwas dazu verschriftlichen (und auch auf einige kritische Hinweise eingehen).

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Das kostenlose Berliner WLAN oder: Fördergelder für 30 Minuten Internet

Großspurig wurde in den letzten Wochen das vor kurzem gestartete „kostenlose WLAN“ in Berlin angekündigt. Eine Kooperation der Stadt Berlin, der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) und Kabel Deutschland bringt das Internet in die Hauptstadt. Und damit teure Eulen nach Athen.

Beim Start des Projektes wurden 44 Hotspots in Betrieb genommen, um die 100 sollen es werden. Diese sind um touristische Anlaufstellen verteilt (z.B. Hackescher Markt, Gendarmenmarkt, Unter den Linden, Kastanienallee und Kollwitzplatz). Die Auswahl der Zugangspunkte zeigt: Es geht nicht wie angekündigt um Berliner und Berlin-Besucher, sondern nur um die Besucher. Das ist nicht verwerflich: Die Förderung des Tourismus ist aus Sicht der Stadt legitim. Es ist jedoch ein Kommunikationsproblem: Entweder ist es ein ernstgemeintes Angebot für Anwohner und Gäste, oder Wirtschafts-Förderung.

Die jetzt mit dem Berliner WLAN versorgten Orte weisen eine hohe Café- und Hotel-Dichte auf. Es sind die Gegenden, in denen man vom St. Oberholz ins nächste Café mit Netz stolpert und eher mit Problemen durch zu viele Funknetze zu kämpfen hat. Dass es zentrale Orte sind, steht außer Frage. Ob es die Berliner Gegenden sind, in denen ein kostenloser Netzzugang am meisten benötigt wird, ist mehr als fraglich.

Die tägliche Nutzungsdauer des Netzes auf 30 Minuten begrenzt. Für einen Touristen kann das hilfreich sein: Ein paar E-Mails abrufen, nach dem Weg sehen, ein Restaurant finden. Für den alltäglichen Gebrauch reichen 30 Minuten heute nicht einmal für die Zeit bis zum ersten Zähneputzen. Man geht nicht mehr ins Netz, man ist drin. In jedem Café um die Ecke bekommt man einen besseren Netzzugang. Doch man wiegelt schon ab und frohlockt, dass bald attraktive Verlängerungsangebote zum kleinen Preis folgen sollen. Die Stadt finanziert Kabel Deutschland eine profitable Infrastruktur. Warum eigentlich?

Markus Beckedahl, der über die MABB in das Projekt involviert ist, erklärt auf Netzpolitik.org die Hintergründe. Er kommt zum Schluss: „Eine Revolution ist das mit rund 100 geplanten Hotspots nicht, aber mehr öffentliche Zugänge mit Basis-Zugang sind trotzdem gut“. Dem sollte man nicht zustimmen. Nein, es ist nicht gut, unter falschem Vorwand eine einen Provider beim Aufbau eines letztlich doch kommerziellen Projekts zu unterstützen. Es ist eine fragwürdige Infrastruktur an fragwürdigen Orten. Und es ist ein problematischer Anbieter: Kabel Deutschland stand erst vor wenigen Wochen – auch auf Netzpolitik.org – am Pranger wegen seiner dubiosen Eingriffe in den Datenverkehr. Diesmal kein Wort davon.

Einen guten Punkt gibt es am Projekt: Es wird als Anlass genommen, das Problem der Störerhaftung zu diskutieren und politisch zu lösen. Störerhaftung ist der juristische Fallstrick, dass der Betreiber eines Netzzuganges für Nutzung durch Dritte haftbar gemacht werden kann. Es ist einer der Gründe, warum viele vor der Bereitstellung eines Netzzugangs zurückschrecken. Und da liegt Punkt: Gäbe es die Störerhaftung nicht, wäre es wahrscheinlicher, dass noch mehr freie Hotspots betrieben würden. So muss man sich die Frage stellen, ob hier nicht an falscher Stelle Zeit und Geld investiert wurde. Statt sich auf die Verbesserung der Rahmenbedingungen zu fokussieren, setzt man noch ein Großprojekt um. Immerhin wird auch – im deutlich kleineren Rahmen – das seit Jahren aktive Berliner Freifunk-Projekt unterstützt. Schade, dass man hier keinen Weg einer sinnvollen Kooperation gefunden hat.

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Willkommen im Euronet. Warum ich nicht auf der „Digital Backyards“-Konferenz bin

Derzeit findet in Berlin die Konferenz „Digital Backyards“ statt – eine dreitätige Konferenz im Bethanien. Obwohl ich mich gern auf Netz-affinen Konferenzen herumtreibe, wusste ich nach Lesen des Einladungstextes, dass ich an dieser Konferenz mit Nachdruck nicht teilnehme? Warum? Das will ich kurz in drei Punkten zusammenfassen:

1. „Europäische Alternative?“

Haupt-Claim der Veranstaltung ist die Suche nach Europäischen Alternativen zu Google und Facebook (offenbar wörtlich und im übertragenen Sinne). Zum einen interessiert mich diese Fragestellung nicht. Ich verstehe das Internet als Netz, das es mir ermöglicht, über Länder- und Kontinent-Grenzen hinweg Dienste zu nutzen. Ich nutze Dienste, die gut sind. Ob sie in den USA, Deutschland oder auf einer Bohrinsel betrieben werden, ist mir egal. Die Lokalisierung von Hardware wird argumentativ gern missbraucht, um zu problematisieren und zu skandalisieren. Gerade hat die Piratenpartei NRW einen Aufschrei produziert, weil die Mails des Landtags NRW durch amerikanische Server auf Spam geprüft wurden. Willkommen im Internet. Oder: Wie wäre es mit „Euronet“?

Die Suche nach Europäischen Alternativen zu Google und Facebook klingt nach nicht mehr als genau das Samwer-eske Copycat-en, das Europa und Deutschland oft vorgeworfen wird. Warum sollte die begrenzte Zeit zur Entwicklung von Produkten nicht genutzt werden, um etwas eigenständiges und Neues zu entwerfen. Warum muss bestehendes ersetzt werden? Eine, wenn auch nicht die einzige Antwort, ist im Rahmen der #bgdg sicher die Beteiligung der Europäischen Union durch die EACEA. Hier gibt es kultur- und geopolitische Interessen, die gepaart mit handfesten ökonomischen Anreizen sich die Hand reichen mit vorgeschobenen Datenschutzbedenken. Ich weiß nicht, ob „Internet-Kolonialismus“ da das richtige Wort ist, aber in diese Richtung geht es eben. Auch wenn Netz-Konferenzen sich gern avantgardistisch geben: Es ist im Sinne des Wortes re-aktionär, wenn man zum hundertsten Mal das Rad neu erfinden will, weil es auf der falschen Seite des Flusses steht.

2. Bitte nicht das D-Wort

Und was kommt bei raus? Man konnte schon vorher ahnen, dass das mehr als verbrannte Wort „Diaspora“ fallen wird. Kurz zur Erinnerung: Diaspora ist der zerschollene Traum eines antisozialen Netzwerks, das Facebook als dezentrale und freie Alternative angreifen sollte. Geblieben sind ein paar unsympathische Jungs, die Crowdfunding eingestrichen, peinlich programmierte Software abgeliefert und wie eine heiße Kartoffel haben fallen gelassen, um einen Facebook-basierten Mem-Generator per Risiko-Kapital zu finanzieren. Das wird ignoriert, weil Diaspora ein OpenSource-Projekt ist, in das man Hoffnungen auf die Wiedererlangung der Kontrolle über seine Tools projizieren kann. Dabei wird die Angst vor dem Verlust über die Kontrolle oft verwechselt mit Datenschutz. Ich habe vor kurzem bereits mit Hans Hübner über die intime Beziehung von Angst und Datenschutz gesprochen. Nichts jedenfalls könnte die sinnlose und verzweifelte Suche nach einem romantisch Daten-geschützten Internet besser symbolisieren das Diaspora. Und wen verwundert es da, wenn einer der wenigen Tweets vom ersten Tag der Veranstaltung lautet:

Irgendwie ist es schon rührselig, wie man einfach nicht aufhören kann, sich an Diaspora zu klammern. Es entwickelt sich zum Strohhalm einer einfallslosen europäischen Datenschutz-affinen und Amerika-skeptischen Szene. Aber, pssst: Selbst Diaspora wurde ursprünglich in den USA entwickelt. Wahrscheinlich während wir irgendwo drüber diskutieren, wie man das mit dem Internet jetzt nochmal in gut und sicher machen könne.

 3. Halb geschlossene Veranstaltung

Etwas ist merkwürdig an der Veranstaltung. Neben dem öffentlichen Teil am 20. Oktober gibt es eine zweitätige »semi-open „Networking Lounge“« – ein halboffenes Netzwerk:

Die im Barcamp-Stil gehaltene „Networking Lounge“ findet am 18. und 19. Oktober statt. Jeweils 10:00 bis 18:00 Uhr. BloggerInnen, JournalistInnen, AktivistInnen, WissenschaftlerInnen, UnternehmerInnen, ProgrammiererInnen und Kulturschaffende definieren ihre eigenen Problemstellungen und Fragen. Anmeldung erforderlich: Wir bitten bis zum 30. September um ein kurzes Motivationsschreiben

Ein Veranstaltung im Barcamp-“Stil“ mit Motivationsschreiben? Meine Motivation wäre nach Lesen dieser Zeilen Herumtrollen gewesen. Ich habe allen Beteiligten das Schreiben erspart.

Und so sitzen zwei Tage eine Handvoll kluger Köpfe da und netzwerken ganz europäisch unter halbem Ausschluss der Öffentlichkeit miteinander. Aber man kann ja auch den Netzpolitischen Kongress der Grünen besuchen/verfolgen, der ab morgen stattfindet – und deutlich offener wirkt.

Bildnachweis: Das bearbeitete Bild “Europe at Night (NASA, International Space Station, 08/10/11) [Explored]” stammt von NASA’s Marshall Space Flight Center und steht unter einer CC BY-NC 2.0-Lizenz.

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