Ist Geschlecht eine Zeichenkette? Diaspora und Gender

Vor einigen Monaten startete mit erstaunlichem Medienecho das Diaspora-Projekt. Diaspora ist der Versuch eine freie, dezentrale und sichere Alternative zu Netzwerken wie Facebook zu schaffen. Nach dem Anfangshype folgte eine Phase der Ernüchterung, in der besonders Kritik an den bisherigen Programmierergebnissen geübt wurde: Sicherheits, Stabilität und Qualität ließen mehr als zu wünschen übrig. Doch das Projekt ist jung und Code-Evolution Teil des Entstehungsprozesses von Software.

Nun verlässt Avery Morrow, Mit-Entwickler und Betreiber des Blogs diaspora-news.net, das Team. Das wäre nicht weiter der Rede Wert, wenn der Anlass seines Rückzugs nicht die Verflechtung von Gender-Diskussion und Software-Entwicklung aufzeigen würde. Avery Morrow bemängelt in seinem finalen Blog-Beitrag “I’m Dropping Diaspora, This Site Is Now Closed” allgemein die Situation im Diaspora-Projekt: Statt das Produkt technisch umzusetzen, werde sich auf Marketing und Profilierung konzentriert. Letztlicher Auslöser seines Entschlusses sind Sarah Meis Code-Beitrag und zugehöriges Blog-Posting “Disalienation: Why Gender is a Text Field on Diaspora“. Sarah Mei hat die übliche Geschlechtsauswahl in Diaspora von einer Dropdown-Box in eine frei definierbare Zeichenkette umgewandelt.

Die übliche Herangehensweise ist es, das Geschlecht eines Nutzers als diskretes Element in der Art “unbekannt/ weiblich/ männlich” zu betrachten. Dies ermöglicht es, den Wert zum Beispiel in Form einer kompakten Zahl zu speichern, zumindest aber sicherzustellen, dass das Geschlecht nur einen dieser drei Werte annehmen kann. Mei änderte diese klassische und zunächst logische Unterteilungen in ein frei definierbares Textfeld, in dem es dem Nutzer freisteht, beliebigen Text einzutragen. Neben einem recht persönlichen Selbsterfahrungsbericht führt Mei an:

I made this change to Diaspora so that I won’t alienate anyone I love before they finish signing up.
I made this change because gender is a beautiful and multifaceted thing that can’t be contained by a list.
I know a lot of people aren’t there with me yet. So I also made this change to give them one momentary chance to consider other possibilities.
I made it to start a conversation.
I made it because I can.
And, of course, I made it so you can be a smartass.
Quelle: sarahmei.com

Für Avery Morrow bringt es das Diaspora-Fass zum überlaufen und erklärt stringent:

What is this ridiculous nonsense? How is n-dimensional gender relevant to the platform you are building for this lame attempt at a next generation social network? Do you have any consideration at all the needs of software developers who are going to have to build upon your mushy “fluids” as a platform?

I’m not going to argue about people’s feelings about gender identity. People can feel whatever the hell they want. But the fact of the matter is that gender is a linguistic term with a hard meaning. For example, all languages have gender pronouns, and Romance languages use gender for inanimate objects.

These three things are undeniable to inhabitants of planet Earth: in the English language, asking the software to use “he” means you are male, “she” means you are female, and “they” means your gender is unknown or unspecified. Perhaps other languages have small variants on this system, but the linguistic reality remains. If you leave the value as an editable text string then the software will not know what gender to use. It is now completely useless. If someone wants to know whether to call the user “he” or “she”, “Mr.” or “Ms.”, they will now have to ask separately.
Quelle: diaspora-news.net

Eine schöne Auseinandersetzung in einem Open-Source-Projekt, die trotz ihres nur kleinen Details zeigt, wie sehr Programmierung politisch aufgeladen ist. Das Anbieten und Festlegen einer Vorauswahl ist natürlich nicht, wie Avery Morrow behauptet, nur ein linguistisches, objektives und unumstößliches a priori. Doch zugleich ist die Argumentation, dass ein frei definierbares Textfeld den Sinn eines Geschlechter-Feldes ad absurdum führe, aus strukturalistischer Perspektive durchaus nachvollziehbar.

Rein technisch wäre natürlich die Auswahl “unbekannt/ männlich/ weiblich/ sonstiges:…” ein einfach umzusetzender Kompromiss. Auch lässt sich die Frage stellen, ob Meis Textfeld nicht letztlich dem aktuellen Trend zum “Tagging“, also der freien Vergabe von Stichworten, und dem Wechsel von relationalen zu sogenannten NoSQL-Datenbanken Rechnung trägt. Generell zeichnet sich hier ein allgemeiner Technik-Trend ab, der sicher nicht zuförderst von der Gender-Debatte inspiriert ist – eine Diskursanalyse zur Auflösung der Relation im Tag liegt aber nicht fern.

Für Diaspora bleibt letztlich zu hoffen, dass nach Anfangseuphorie und Diskussionen über Zeichenketten in den nächsten Monaten brauchbare Ergebnisse geliefert werden. Schon das Jabber-Chat-Protokoll hat gezeigt, wie eine zentrale Struktur wie ICQ oder MSN von einer freien und dezentralen Implementation durchaus ernsthaft unter Druck geraten kann. Neben Google Chat setzen in Deutschland weitere große Anbieter GMX und 1und1 auf das freie Jabber-Protokoll.

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